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Der Niederrhein zählt zu den führenden Logistikstandorten in Europa. Eine besondere
Schlüsselrolle nehmen die Häfen im IHK-Bezirk ein – allen voran der größte Binnenhafen
der Welt in Duisburg. Doch dessen Flächen werden angesichts der explodierenden
Güterverkehre knapp, während die anderen Häfen noch aufnahmefähig sind. Eine
Kooperation liegt für die IHK auf der Hand. Jetzt muss der Prozess richtig in Gang
kommen.
Um dem drohenden Engpass entgegenzutreten, haben die Häfen
am Niederrhein ein Gutachten in Auftrag gegeben. Mit dem
sogenannten Masterplan sollen Kooperationsmöglichkeiten und
Synergien ausgelotet werden. Inzwischen liegen die Ergebnisse
auf dem Tisch, nach rund einjähriger Bearbeitungszeit. Experten
des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik, Dortmund,
haben ihr Gutachten für eine Kooperation der Häfen vor
Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung im Weseler
Kreishaus vorgestellt. Einhelliger Tenor der Wissenschaftler bei
der Präsentation der Ergebnisse: Zu einer Kooperation der Häfen
am Niederrhein – darunter die Häfen in Duisburg, Orsoy und Emmerich
sowie der LippeMündungsraum mit dem Stadthafen Wesel,
dem Rhein-Lippe-Hafen Wesel und dem Hafen Emmelsum in
Voerde – gibt es keine Alternative.
Das größte Flächenpotenzial in der Region bietet der LippeMündungsraum,
der langfristig über 300 bis 400 Hektar verfügt und
als einer der wesentlichen Entwicklungsschwerpunkte in diesem
Zukunftsszenario gilt. Dass Flächen in dieser Größenordnung
auch dringend benötigt werden, unterstreicht das Wasserstraßenverkehrs-
und Hafenkonzept des Landes Nordrhein-Westfalen.
Es prophezeit bis zum Jahr 2025 einen eklatanten Flächenmangel.
Bis dahin werden den Berechnungen zufolge 325 Hektar
in NRW fehlen.
Da die Binnenhäfen am Niederrhein für die großen Seehäfen in
Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam (ZARA-Häfen)
die Funktion einer sogenannten Hinterlanddrehscheibe – einer
Art Verteilzentrum für dort eintreffende Güter – übernehmen,
können sich die dort anfallenden Containermengen maßgeblich
in der Auslastung der Häfen im IHK-Bezirk niederschlagen: Beispielsweise
beabsichtigt der Hafen Rotterdam, sein Containeraufkommen
bis zum Jahr 2030 zu verdreifachen. Auch in Antwerpen
sind ähnliche Kapazitätsausweitungen abzusehen.
Das Umschlagvolumen am Niederrhein wird in gleicher Größenordnung
wachsen wie in den Seehäfen. Nach einem kurzfristigen
Abflauen der Güterströme, bedingt durch die Wirtschaftskrise,
wachsen die Containermengen auf den Weltmeeren bereits
wieder in zweistelligen Raten. Beim Umschlag, insbesondere in
den Hinterlandhäfen, sind daher schon jetzt Engpässe zu erkennen.
Vor allem in Duisburg werden die Flächen knapp. Der Hafen
hat in den vergangenen zehn Jahren jährlich zwischen 35 und 40
Hektar vermarktet. Die Nachfrage ist angesichts des konjunkturellen
Aufschwungs unvermindert hoch.
Der LippeMündungsraum bietet geradezu ideale Voraussetzungen,
um die Nachfrage zu befriedigen: Mit seinen drei unterschiedlichen
Standorten verfügt er über beträchtliche Flächenpotenziale.
Die Vermarktung im Fahrwasser des Duisburger
Hafens lief in der Vergangenheit allerdings eher schleppend.
Trotz bedeutsamer Ansiedlungen wie der Logistics Group International
(LGI) oder der Jerich GmbH wurde das Potenzial bei weitem
nicht ausgeschöpft.
Dabei käme gerade der Duisburger Hafen mit seiner Erfahrung
in der internationalen Vermarktung als Partner für den Lippe-
Mündungsraum in Betracht. Die IHK hat aufgrund des Flächenengpasses
in Duisburg schon früh darauf hingewiesen, dass eine
Häfenkooperation am Niederrhein für die weitere Entwicklung
des Standortes Pflicht ist. Die Landesregierung hat diesen Aspekt
ebenfalls aufgegriffen und im Rahmen des „Clusterwettbewerbs
Logistik“ den Masterplan Häfenkooperation Niederrhein
gefördert. Konkret wird mit dem Plan eine strategische Neuausrichtung der
Häfen, vor allem im LippeMündungsraum, anvisiert. Der Plan soll
darüber hinaus auch als Grundlage für eine marktorientierte Entwicklung
von Hafeninfrastrukturen dienen. Gleichzeitig bildet er
den Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Leitfadens zur Positionierung
der Häfen im internationalen Logistikmarkt. Hierzu
sollen noch notwendige Einzelmaßnahmen und Investitionen in
die Infrastruktur erarbeitet werden.
Wie das Gutachten zeigt, ergibt sich ein zusätzliches Potenzial
von rund elf Millionen Tonnen jährlich, die bis zum Jahr 2025 in
den niederrheinischen Häfen umgeschlagen werden können.
Schwerpunkte bilden dabei der Bereich der Agrargüter mit
700 000 Tonnen, der Container-, Stückgut- und Schwergutverkehr
mit drei Millionen Tonnen, sowie – aufgrund der Kraftwerksplanungen
im Ruhrgebiet – die Kohle mit zirka sieben Millionen Tonnen.
Hieraus ergeben sich auch die Güterschwerpunkte für die
weitere Entwicklung im LippeMündungsraum.
Die Häfen sollen aber auch regionale Verteilerfunktionen übernehmen.
Weitere Chancen bieten sich für die Ansiedlung von
Logistik-Dienstleistern. Sie sorgen für ein hohes Maß an Wertschöpfung
und Beschäftigung. Langfristig sehen die Gutachter
auch die Möglichkeit, ein Binnenschiffs-Megahub (ein Terminal
für den Containerumschlag von Binnenschiff zu Binnenschiff)
einzurichten. Dies setzt jedoch große Mengenvolumen voraus,
die sich allenfalls langfristig realisieren lassen werden.
Ausgehend von diesen Rahmenbedingungen empfehlen die
Gutachter, die Entwicklung der Häfen Duisburg, Orsoy und Emmerich
eigenständig von der Entwicklung der Häfen des Lippe-
Mündungsraumes weiterzuführen. Ergänzende Logistik-Dienstleistungen,
beispielsweise Binnenschiffs- oder Bahnshuttle,
könnten die logistische und ökonomische Leistungsfähigkeit der
Region beschleunigen. Für den Stadthafen Wesel wird ein Agrarterminal
vorgeschlagen, für den Hafen Emmelsum ein Ausbau
der Containerkapazitäten ins Spiel gebracht. Hier schlägt die Firma
Jerich bedeutsame Mengen Papier für den europäischen
Markt in Containern um.
Optional sieht der Masterplan ein Kohleterminal für den Rhein-
Lippe-Hafen vor, in einer zweiten Stufe könnte dort auch ein Universalterminal
einschließlich Containerumschlag entstehen. Für
die infrastrukturelle Erschließung ist der Bahnanschluss des
Rhein-Lippe-Hafens ganz wesentlich. Darüber hinaus ist aus
Sicht der Gutachter eine Kernkooperation, bestehend aus den
Häfen im LippeMündungsraum und einem international bekannten
Partner, zwingend. Für diese Terminalentwicklung sind Gesamtinvestitionen
von insgesamt 100 Millionen Euro erforderlich,
davon über 31 Millionen Euro für die Infrastruktur.
Quelle: "Thema Wirtschaft", Ausgabe Juli/ August 2010
Ansprechpartner bei der IHK: Werner Kühlkamp, Telefon 0203
2821-278, E-Mail kuehlkamp@niederrhein.ihk.de.
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